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Wenn Sport Geschichte schreibt

Seit jeher ist es eine der Besonderheiten des Sports, eine der sozialen Aktivitäten zu sein, die dank der Sympathie und Empathie, die die Athleten hervorzuwecken wissen, große Menschengruppen zusammenbringt. Nur wenige können einen Marathon laufen, aber wir alle können uns vorstellen, dass dies eine Unmenge an Anstrengung erfordert. Genau deshalb war der Sport schon seit den ersten Olympischen Spielen im antiken Griechenland eine Tätigkeit von großem Interesse für die Meinungsbildner. Bei den Römern hieß es: „Panem et circenses“, und das aus gutem Grund: Dies war das Rezept zum Aufrechterhalten der Macht. Der gegenseitige Einfluss von Sport und Politik hat die Großmächte im 20. Jahrhundert (dem Jahrhundert der Kommunikation) dazu gebracht, die größten Sportveranstaltungen nicht nur als Konfrontationsplatz für die Sportler, sondern zur Verbreitung von Ideologien zu nutzen.
Denken Sie nur einmal an den Boykott der Olympischen Spiele 1980 in Moskau durch die USA infolge der russischen Invasion von Afghanistan nur einige Tage zuvor. Oder auf den Einfluss, den die beiden Koreas bei den letzten Olympischen Winterspielen in Pyeongchang dadurch hatten, dass sie während der Eröffnungsparade der Spiele unter einer gemeinsamen Flagge aufgetreten sind (die die gesamte koreanische Halbinsel repräsentiert) - das hatte es seit 2006 nicht mehr gegeben. Im Olympiastadion von Pyeongchang drehte sich der Präsident Moon Jae-in auf seinem Platz auf der Tribüne um und streckte Kim Yo-Jong, Kim Jong-uns jüngerer Schwester, die technisch gesehen noch mit dem Süden im Krieg ist, die Hand entgegen. Kim Yo-Jong, das erste Mitglied der Kim-Dynastie, das in den letzten siebzig Jahren seinen Fuß auf südlichen Boden gesetzt hat, lächelte und schüttelte Moons Hand in einer Geste der Entspannung, die schon jetzt Geschichte geschrieben hat.

Sport, Geschichte und Kultur

Sport kann also Geschichte schreiben. Man muss sich nur die Olympischen Spiele in Berlin 1936 ins Gedächtnis zurückrufen, um zu sehen, wie sehr einige sportliche Ereignisse unsere zeitgenössische Kultur beeinflusst haben. Hitler wollte (gemäß der Beratung von Goebbels), dass diese Spiele zu einer Demonstration der arischen Überlegenheit würden. Um dies zu erreichen, baute er auch auf das umfassende Filmmaterial von Leni Riefenstahl, der Filmemacherin des Dritten Reiches (die zur Montage des endgültigen 4-Stunden-Epos, Olympia, welche zwei Jahre in Anspruch nahm, von einem Team von 40 Mann unterstützt wurde).
Das Spannendste daran waren nicht die 89 Medaillen, 33 davon Gold, die das Nazideutschland gewonnen hat, sondern die 4 Goldmedaillen des afro-amerikanischen Leichtathleten Jesse Owens. Diese gewann er beim 100- und 200-Meter-Lauf sowie beim Weitsprung und einer 4-mal-100-Meter-Staffel, für die er nicht einmal angemeldet war, jedoch aufgrund des Fehlens von zwei jüdischen offensichtlich ausgeschlossenen Läufern antreten musste - und all dies vor einer Zuschauermenge voller Vertreter der reinen Rasse. Der Moment wurde von der zeitgenössischen kollektiven Erinnerung neu interpretiert, welche sich nicht bewusst ist, dass die Behandlung, die Owens in Deutschland erfahren hat, besser war als die, die er zu Hause erfahren würde, wo Rassentrennungsgesetze herrschten. Diese haben ihn für eine lange Zeit gezwungen, Hintertüren und Dienstaufzüge zu benutzen, wannimmer er zu einer Veranstaltung eingeladen wurde.

In Deutschland beschränkte sich der Führer darauf, ihm nicht die Hand zu schütteln, so wie er keinem anderen als den deutschen Sportlern die Hand schüttelte. Er verließ das Stadion vor der Siegerehrung und sandte ihm einige Tage später ein signiertes Foto. Präsident Roosevelt und sein Nachfolger Harry Truman hingegen haben den preisgekrönten Athleten vollkommen ignoriert. Es musste 1976 erst Ford an die Macht kommen, damit er Anerkennung erlangen konnte, als er mit der höchsten bürgerlichen Anerkennung, der Friedensmedaille, ausgezeichnet wurde und nunmehr allgemein als Repräsentant eines Moments angesehen wurde, der die westliche Kultur am meisten geprägt hat.

Die Ausgabe 1936 - und wie hätte es anders sein können - war etwas Besonderes, und neben den Episoden, deren Hauptdarsteller Owen war, war auch der koreanische Marathonläufer Sohn Kee-Chung ein Protagonist. Er war gezwungen, in der japanischen Uniform und unter dem japanischen Namen Son Kitei anzutreten (da Japan 1910 in Korea einmarschiert war). Er wurde von Riefenstahl auf der Siegertreppe verewigt, nachdem er den Marathon gewonnen hatte. Als er die japanische Nationalhymne hörte und die japanische Flagge gehisst wurde, senkte er wütend und mit Tränen in den Augen den Kopf und verdeckte die auf seinem Trikot aufgenähte japanische Flagge.

Obwohl er keine Gelegenheit ausließ, sich in den anschließenden Interviews mit seinem wahren Namen und als koreanischer Athlet vorzustellen (mit allen Folgen, die diese Geste haben würde), musste er bis zum Sommer 1988 auf seine Erlösung warten. Im Alter von fast achtzig Jahren lief er bei der Eröffnungszeremonie in das volle Stadion von Seoul, die Olympische Fackel in der Hand und mit einem weißen Trägerhemd mit dem Symbol von Südkorea bekleidet. Als er an diesem Tag nach Hause zurückkehrte soll er gesagt haben: „Nun kann ich in Frieden sterben.“

Gino Bartali "rettet" die italienische Republik

Auch in Italien hat der Sport in einigen Momenten der Zeitgeschichte eine entscheidende Rolle gespielt. So hieß es zum Beispiel, Gino Bartali habe Italien 1948 vor dem Bürgerkrieg bewahrt. Auch wenn dies so nicht ganz stimmt, kann man wohl doch behaupten, dass seine Errungenschaften auf eine entscheidende Weise dazu beigetragen haben, die neugeborene Republik zu retten. Einige Monate nach den ersten allgemeinen Wahlen der italienischen Geschichte, bei denen die Christdemokraten (DC) mit 48,5 % der Stimmen einen überragenden Sieg verzeichnen konnten und Alcide De Gasperi zum Staatsoberhaupt benannt wurde, war die Lage noch immer sehr angespannt. Exkommunikationsdrohungen und Straßenschlachten waren an der Tagesordnung. Als am 14. Juli 1948, während auf der anderen Seite der Alpen die Tour de France stattfand, ein junger Sizilianer der extremen Rechten mitten auf der Piazza Montecitorio einen Anschlag auf den Minister Togliatti verübte, schien die Lage unkontrollierbar. In zahlreichen Industriegebieten kam es zu Streiks und Revolten, der Funkverkehr wurde unterbrochen und die Gewerkschaften riefen einen Generalstreik aus. All dies, während der Innenminister Mario Scelba die gnadenlose Unterdrückung der ungenehmigten Demonstrationen anordnete.

Obwohl Vertreter der italienischen kommunistischen Partei und Togliatti selbst, der den Anschlag überlebt hatte, zur Ruhe aufriefen, kamen fast alle italienischen Journalisten und Fotografen von der Tribüne des französischen Radsportwettbewerbs zurück in die Heimat, vor allem auch, da unsere Radsportler keine großen Erfolgsaussichten für sich verbuchen konnten. Vielerorts konnte man lesen, dass Gino Bartali, der zehn Jahre zuvor dieselbe Tour gewonnen hatte, mit seinen 34 Jahren nun entschieden „zu alt“ war, um noch einmal gewinnen zu können. De Gasperi rief Gino Bartali am Abend des Anschlags selbst persönlich an und sagte ihm, er müsse gewinnen, „da Italien im Chaos zu versinken drohe“.

Der Radsportler aus der Toskana, der bereits genug damit zu kämpfen hatte, die nagenden Zweifel der Öffentlichkeit zu zerstreuen, raubte am nächsten Tag jedem den Atem, als er mit einer Reihe unerwarteter Bravourleistungen aufwartete, die im Radsport zur Legende geworden sind, wie die Erzwingung des Col d'Izoardè, einer 16 km-Strecke mit einem Anstieg von 6,9 % bis auf 2361 Meter, bei bitterer Kälte. Während Bartali am 13. Juli, praktisch in der Mitte des Rennens, 21' hinter dem Favoriten Bobet zurücklag, betrug sein Rückstand nach diesem Tag nur noch weniger als eine Minute.

In der Zwischenzeit hatte sich ganz Italien vor dem Radio versammelt, um mit wachsenden Emotionen die epische Glanzvorstellung von „Ginetaccio“ mitzuverfolgen. Die politischen Zerwürfnisse schienen an Wichtigkeit verloren zu haben. Der Stolz über die unerwartete Aufholjagd und der Triumph des Mannschaftskapitäns, der in diesem Jahr zum zweiten (und letzten) Mal auf die Siegertreppe steigen sollte, hat tatsächlich für eine Entspannung der Lage gesorgt, einen Gemeinschaftsgeist geschaffen, die Gemüter beruhigt und die heftigen Auseinandersetzungen in der Piazza unterdrückt.

Sport gegen Rassismus

Allerdings waren es die Episoden, die mit Rassenkonflikten zu tun hatten, die unsere gemeinschaftliche Erinnerung am meisten geprägt haben. Mehr als für seine Silbermedaille für den 200-Meter-Lauf bei den Olympischen Spielen 1968 in Mexiko-Stadt (mit einer Zeit von 20,06, noch heute ein unübertroffener australischer Rekord) ist Peter Norman zum Beispiel als der „Weiße Kämpfer für Black Power“ bekannt. Bei der Preisverleihung des Rennens am 16. Oktober lauschten die beiden schwarzen Kurzstreckenläufer Tommie Smith und John Carlos, mit denen sich Norman das Siegerpodium teilte, mit gesenktem Kopf und barfuß der amerikanischen Nationalhymne, eine Faust in einem schwarzen Handschuh für den „Black Power“-Gruß gen Himmel gestreckt, um die Öffentlichkeit bezüglich der Bürgerrechte der Afro-Amerikaner zu sensibilisieren. Norman, der auch hinter der Idee steckte, dass die beiden Athleten sich das einzige Paar verfügbare Handschuhe teilten (Carlos hatte seine vergessen), zeigte ohne zu zögern seine Solidarität mit der Sache und trug auf der Siegertreppe eine Jacke mit einem Anstecker des „Olympischen Projekts für Menschenrechte“ (OPHR) an der Brust.
Peter Norman ist in einer fortschrittlichen australischen Familie aufgewachsen, die der Heilsarmee in einem Vorort angehörte, der sich nicht allzu sehr von den den Schwarzen in den Vereinigten Staaten vorbehaltenen Ghettos unterschied. Er wurde Leichtathlet, da er sich die Fußballausrüstung nicht leisten konnte (und wurde unter anderem zum besten australischen Kurzstreckenläufer aller Zeiten). Bei seiner Heimkehr wurde er von den australischen Medien heftigst für seine Geste verurteilt, boykottiert und hat sogar Morddrohungen erhalten: Er wurde von den Olympischen Spielen 1972 in München ausgeschlossen, obwohl er sich qualifiziert hatte, und wurde nicht einmal zu den Olympischen Spielen in Sydney eingeladen. Es dauerte bis 2012, bis sich das australische Parlament verspätet entschuldigte - eine Geste, die auf der Entscheidung des nordamerikanischen Leichtathletikverbandes beruhte, den 9. Oktober, das Datum seiner Beerdigung, zum Peter Norman Day zu erklären. An jenem traurigen Tag im Jahr 2006 waren Tommie Smith und John Carlos anwesend, um die Bahre ihres Freundes zu tragen.

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